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Martin Rainer Preis

Verleihung und Werkgegenüberstellung

11.4.2026, 17 Uhr
Hofburg Brixen
 

 

Begründung der Jury: MARTIN-RAINER-PREIS PERIPHERIEN

 

Dem in Brixen arbeitenden Künstler Martin Rainer (1923-2012) ging es nie um das im Zentrum Stehende, nie um das statisch Ausgewogene oder genau Austarierte. Vielmehr richtete sich sein Blick auf die Ränder, auf die ausfransenden Randbereiche, an denen die Konturen unscharf werden. Diese Orte des Unfertigen, Nichtperfekten und Uneindeutigen rückte er ins Zentrum seines künstlerischen Schaffens – ganz nach seinem Credo: „Das Perfekte ist majestätisch und langweilig.“ Die Menschen am Rand der Gesellschaft, das Wandelnde zwischen Realitäten und die scheinbar unscheinbaren Dinge zogen ihn an. Es waren jene nicht eindeutig bestimmbaren Bereiche, in denen vieles möglich bleibt, die sein Interesse weckten.

Unter diesen Prämissen suchte die Jury – Lisa Trockner, Geschäftsführerin des Skb, Josef Rainer, Künstler, Paulus Rainer, Kurator im Kunsthistorischen Museum Wien, Hannes Egger, Künstler und Träger des Anerkennungspreises 2024 und Martina Oberprantacher, Direktorin von Kunsthaus Meran – des diesjährigen Martin-Rainer-Preises Kunstschaffende, deren Arbeiten mit dem Werk Martin Rainers in eine fruchtbare Zwiesprache treten. Der Preis 2026 – bestehend aus einem Hauptpreis und zwei Anerkennungspreisen – ist disziplinenübergreifend angelegt und würdigt Positionen, die sich inhaltlich und/oder formal mit dem außerhalb der Mitte Befindlichen auseinandersetzen: mit Exzentrik im eigentlichen Wortsinn.

 

Die beiden Anerkennungspreise wurden vergeben an die in Terenten bei Bruneck lebende und arbeitende Künstlerin Sylvie Riant sowie an das in Berlin und München lebende und arbeitende Künstlerduo Florian Gass und Mirja Reuter.

 

Sylvie Riant kehrt sich – ähnlich wie Martin Rainer – vom heroischen Ideal ab und dem Menschen in seiner existenziellen Fragilität zu. Besonders hervorzuheben ist ihr Werk „Aufbruch“ (2026), bestehend aus einem Rollator aus Wachs und einem Video. In der Inszenierung wird der Rollator zum „Ding der Abwesenheit“ – zu einem Altar persönlicher Kultpraxis, der den kranken oder toten Körper als periphere, kaum sichtbare Figur evoziert. Diese Ästhetik des Entzugs korrespondiert eng mit Rainers Sensibilität für das Zwischenmenschliche, dessen Skulpturen durch eine stille, oft schmerzhafte Präsenz wirken.

 

Die unbebauten „Raine“ – im Sinne Martin Rainers nicht als Grenze, sondern als Schnittstelle verstanden – prägen die Praxis von Gass und Reuter. Zwischen Kunst und sozialem Kontext angesiedelt, setzen sie sich für die strukturelle Öffnung von institutionellen (Kunst-)Räumen ein und schaffen so Orte, die Uneindeutigkeit und Vielstimmigkeit zulassen. Ihre partizipativen Arbeiten, insbesondere die Schatten- und Figurentheater in Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen, eröffnen neue gesellschaftliche Perspektiven und ermöglichen Formen gemeinsamer ästhetischer Erfahrung. Gerade diese Form von Mitgestaltung weist eine starke Affinität zu Rainers künstlerischer Praxis des Kollektiven und Partizipativen auf, die gerade die Stadt Brixen stark prägte.

 

Der Hauptpreis wird dem österreichischen Künstler Thomas Feuerstein zuerkannt, der in Wien lebt und arbeitet. In seinem Werk wird die Peripherie zu einem produktiven Raum des Übergangs – zu einer Zone des Werdens und der Transformation. Trotz formaler und medialer Unterschiede zeigen sich deutliche Parallelen zu Martin Rainer: Beide entziehen sich einer Vorstellung von Kunst als statischem Zentrum und verlagern Bedeutung an die Ränder – zwischen Leben und Tod, Form und Prozess, Autor*innenenschaft und System.

Thomas Feuerstein radikalisiert diese Perspektive, indem er Peripherie nicht nur darstellt, sondern real vollzieht. In Werkgruppen wie „METABOLICA“ basieren seine Skulpturen auf biologischen, chemischen und algorithmischen Prozessen. Mikroorganismen produzieren und zersetzen Material, reagieren auf Umweltbedingungen und halten das Werk in permanenter Transformation. Skulptur wird hier zum System, Zeit zum aktiven Faktor und Autor*innenschaft zu etwas, das sich auf Prozesse und nicht-menschliche Akteure verteilt.

Martin Rainer und Thomas Feuerstein stehen damit weniger in einer direkten Traditionslinie als in einer gemeinsamen Denkbewegung. Beide begreifen Kunst als offenen Prozess, in dem Bedeutung nicht fixiert, sondern verhandelbar bleibt. Die Peripherie wird so zum Ort produktiver Unsicherheit – zu jenem Raum, in dem Kunst nicht bestätigt, sondern befragt wird.

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